Eagles gewinnen bei den Düsseldorf Rams mit 6:5 (0:1/3:1/3:3), aber wie?

Craig Bradfield ein sicherer Rückhalt für die Eagles  Foto: W.Dietrich

Über die letzten 100 Sekunden ließe sich alleine ein Kurzkrimi schreiben. Das Auf und Ab an Gefühlsausbrüchen in beiden Fanblöcken sorgte für eine enorme Stimmung, Spannung, Jubel und Trauer. Wenn man in einem Abstiegskampf eine Sekunde vor Spielende in Führung geht, ist das zwar für den Sieger ein Grund zum Jubeln, aber für den Verlierer bricht eine Welt zusammen. „Ich konnte gar nicht jubeln, weil ich daran denken musste, wie wäre es uns in solch einem Moment ergangen“, sagte Wolfgang Dietrich am Ende des Tages. Bereits vor dem Spiel wurden zwischen einigen Vereinsvertretern respektvolle Worte ausgetauscht und man merkte die Anspannung auf beiden Seiten, besonders, weil es für beide Traditionsvereine ums Ganze ging.

Der Held auf Kaarster Seite ist wieder auf dem Weg in seine englische Heimat. Craig Bradfield (23 Jahre) zeigte eine Glanzleistung im Tor der Adler. Sein Gegenüber Felix Tauer stand ihm in nichts nach. Eine Achterbahn der besonderen Art erlebte auch Eagles Verteidiger David Walczok. Verursachte er durch leichtsinniges Zocken vor dem eigenen Strafraum noch den zweiten Ramser Treffer, legte er sich im 2. Drittel noch mit den Schiedsrichtern an und bekam fürs Meckern eine 10-minütige Bankstrafe, so nutzte er eine Sekunde vor Schluss die Lücke zwischen Felix Tauer und Pfosten zum 6:5-Sieg aus.

Die Gastgeber begannen das Spiel druckvoll, Kaarst konzentrierte sich auf die Abwehrarbeit. Dabei hatten sie nicht mit den Schiedsrichtern gerechnet, die im ersten Drittel konsequent jeden Ansatz von Foul gegen Kaarst abpfiffen. Rams saß zweimal und Kaarst immerhin sechsmal im ersten Drittel auf der Bank. Danach hatten es die Kaarster begriffen, wie heute gepfiffen wurde. Erstaunlich war, dass die Eagles 5 von 6 Strafzeiten ohne Gegentreffer überstanden. Rams war sicherlich nervös, aber die Männer in Gelb/Schwarz verteidigten auch geschickt und gut instruiert vom Coach Jan Opial. Erst als zwei Kaarster auf der Bank Platz nahmen, hatten die Ramser den Raum, den sie zur 1:0-Führung brauchten. In der 15. Minute verwandelte Moritz Matzkies ein Zuspiel von Raphael Scheu. Die Chancen auf beiden Seiten häuften sich im Spielverlauf, aber die beiden Torhüter bedeuteten jedes Mal das Ende eines jeden Torversuches. So ging es in die erste Pause.

Gespannt war der Kaarster Anhang, mit welcher Taktik die Adler aus der Kabine zurückkamen. Man merkte ihnen jetzt eine deutlich offenere Spielweise an. Leider verzockte sich David Walczok im Spielaufbau in der 23. Minute vor dem eigenen Tor und Robin Wilmshöfer nahm sich die Kugel und versetzte Craig Bradfield trotz blitzschneller Reaktion zum 2:0. Das Heimpublikum wachte auf und unterstützte seine Mannschaft. Dennoch kam kein weiterer zählbarer Treffer dabei zustande, da ja bekanntlich Craig Bradfield einen Sahnetag erwischte. Die drei Kaarster Reihen wechselten schnell und effektiv. Alle Reihen waren heute gleichmäßig gut besetzt und jeder Einzelne machte sein bestes Saisonspiel. In der 33. Minute fand die bisherige Nullnummer der Kaarster sein Ende. Die sehr agilen Stürmer Tim Hauck und Timo Dietrich fanden einen Weg durch die Abwehrreihen und Dietrich netzte geschickt zum 2:1-Anschlusstreffer ein. Nun begann die beste Zeit der Eagles. Angriff auf Angriff folgte. Tauer stand nun im Mittelpunkt, während sich Bradfield etwas erholen konnte. In der 36. Minute musste ein Ramser Spieler das Feld wegen eines Fouls verlassen und Kaarst baute das Powerplay Spiel auf. Beim Aufwärmen übten Christian Perlitz und Sascha Drehmann noch den Pass mit anschließendem Direktschuss und dies war auch gut so. Genauso fiel der Ausgleich (2:2 , 36. ). Perlitz passte genau auf Drehmanns Schläger, der nicht lange fackelte und einen Mordshammer ins Netz versenkte. Weil es so schön war, legten die Eagles noch einen solchen Treffer nach. Wieder waren die Ramser zahlenmäßig geschwächt und auf Vorlage von David Walczok erzielte der heute sehr agile und lautstarke Kapitän Sascha Drehmann den viel umjubelten 2:3-Führungstreffer (40.). Dies war auch gleichzeitig der 100. Saisontreffer der Eagles in dieser Spielzeit 2012 und der Pausenpfiff folgte rund 30 Sekunden später.

Jetzt ging es um alles. Rams versuchte verzweifelt, den Ausgleich zu erzielen. Immer wieder war ein Schläger im Weg, der den Ball letztendlich abfälschte oder eben Craig Bradfield war die Endstation. Machtlos war er aber in der 42. Minute, als erneut Robin Wilsmhöfer zum 3:3 traf. In einer unübersichtlichen Situation vor dem Tor schaltete er am schnellsten und überlistete die Kaarster Abwehr.  Ab diesem Moment mussten alle Beobachter und Fans an ihr Herz denken. Was ab jetzt folgte, war an Dramatik nicht zu überbieten. Der Torschrei lag ständig in der Luft. Wieder waren es die Eagles, die die Gefühlslage auf Kaarster Seite verbesserten. Der wiedergenesene Pascal Mackenstein wühlte sich auf Vorlage von Sascha Drehmann durch und überwand den Ramser Torhüter Felix Tauer in der 45. Minute zum 3:4. In den folgenden 13 Minuten fiel zwar kein Treffer und auch kein Fan um, aber es blieb spannend, packend, offen, temperamentvoll und kämpferisch auf beiden Seiten. Gerade hatten die Kaarster ihre letzte heutige Strafzeit folgenlos überstanden, da versetzte Jakob Matzken doch noch seinen Anhang in Freudentränen zum überraschenden 4:4-Ausgleichstreffer. Wie lautete die Antwort aus Kaarst? 70 Sekunden später zappelte der Ball wieder im Netz der Landeshauptstädter. Walczok passte nach links auf Udo Schafranski, der endlich einnetzte. Vorher hatte er oft Pech im Abschluss. Jetzt war der Jubel groß. 4:5 und es waren nur noch 100 Sekunden zu spielen. Auszeit. Taktische Anweisungen beider Trainer an die Mannschaften. Coach Kjell Wilbert musste reagieren und nahm seinen Torhüter heraus. Rams baute Druck auf und Kaarst wehrte sich mit allen spielerischen Mitteln. Zweimal fand der Ball nicht den Weg ins leere Tor, dafür aber auf der Gegenseite ins Kaarster Gehäuse. Als sechs Spieler unmittelbar vor der Nase von Craig Bradfield den Ball sich gegenseitig abnehmen wollten, legte Raphael Scheu letzte Hand an und überwand den verdutzten Torhüter mit einem Flachschuss. Die Uhr zeigte 59:32 und es stand 5:5. Rams konnte wieder auf den Ligaverbleib hoffen. Die Düsseldorfer riskierten nun alles und nahmen erneut den Torhüter heraus. Kurz darauf kam es zum Bully. Tauer fuhr wieder ins Tor. Kaarst eroberte den Ball, Perlitz lief rechts auf das Tor zu, passte in die Mitte zu David Walczok und der sah die große Lücke zwischen Pfosten und Torhüter. 5:6 bei 59:59. Unglaublich!

David Walczoks Jubel kannte nach dem entscheidenden Treffer zum 6:5 keine Grenzen mehr. Foto: W.Dietrich

Können Sportgeschichten noch brutaler geschrieben werden? Die eine Mannschaft im Freudentaumel, die andere sinkt in sich zusammen. Gerettet sind die Kaarster damit noch nicht, haben aber einen Fuß aus der Abstiegsschlinge gezogen. Durch die anderen Ergebnisse des Wochenendes verbesserten sie sich erstmalig auf den sicheren 10. Platz mit einem Punkt Vorsprung auf den neuen vermeintlichen Absteiger Lüdenscheid mit insgesamt 11 Punkten. Wie bitter war der doppelte Punktverlust gegen Lüdenscheid. Mit einem Sieg wäre heute Ruhe eingekehrt. So müssen die Akteure noch einmal 110 Prozent gegen Duisburg geben, um möglichst zu punkten.

„Man weiß ja nie, wie das Spiel Essen gegen Lüdenscheid ausgeht“, sagte der sportliche Leiter Georg Otten, der auch einmal in seiner Karriere einen entscheidenden Gegentreffer der Ramser durch Rudi Bauriedel beim Uhrzeigerstand 59:59 in Kaarst erlebte und erlitt. Coach Jan Opial war happy, aber auch total geschafft. Auch für ihn als Routinier hinter der Bande sind dies neue Erfahrungen im Sport.

An die Rams sei der Dank für ein faires Spiel gerichtet, die Spieler haben alles gegeben und Kaarst muss sich beim Hockeygott bedanken. Aber wer weiß am Ende, ob die Meister und potenziellen Ersatzkandidaten der zweiten Ligen aufsteigen wollen oder die Voraussetzungen an die Erste Bundesliga erfüllen können. Kaarst hat mit einer solchen überraschenden Wende schon seine Erfahrungen hinter sich.

Die heutigen Kaarster Torschütze:

2 Tore Sascha Drehmann, je 1 Tor David Walczok, Udo Schafranski, Pascal Mackenstein und Timo Dietrich

Strafzeiten:

Rams 10 Minuten Kaarst 14 + 10 Minuten

PM Crash Eagles Kaarst

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